Fragwürdiges CI-Implantationsalter bei Säuglingen

Uns erreichte Mitte April eine Rund-Email mit dem Betreff "Wenn Kinder nicht hören // Wie eine frühe Behandlung von ...". Absender war die Initiative "Beat the Silence", hinter der der CI-Hersteller MED-EL steht. In der Mail wurde durch geschickten Aufbau des Pressetextes und gezielter Platzierung von Experten-Zitaten wieder einmal der Eindruck erweckt, eine CI-Implantation im ersten Lebensjahr sei sinnvoll und für eine "normale" Sprachentwicklung unumgänglich.

So wird z.B. gesagt:

"Dass implantierbare Hörlösungen bereits im Säuglingsalter ab fünf bis sechs Monaten eine Lösung darstellen und Kindern ein Leben mit weniger Beeinträchtigungen ermöglichen können, wissen viele Eltern nicht."

Weiterhin wird ein Mediziner zitiert mit

"Wenn Kleinkindern durch ein Hörimplantat das Hörvermögen wieder geschenkt wird, können sie in den ersten Lebensjahren das Hören und Sprechen erlernen. Geschieht dies [Implantation eines CIs] erst später, ist die Wahrscheinlichkeit Sprachdefizite zu entwickeln, weitaus höher", so Prof. Dr. Baumgartner. (Herr Dr. Baumgartner ist als Fachbeirat bei der Initiative "Beat the Silence" aufgeführt)

Entscheidend ist hier, daß der Experte mit "den ersten Lebensjahren" mitnichten eine CI-Implantation in den ersten fünf bis sechs Lebensmonaten befürwortet. Eltern haben nach neueren Studien deutlich mehr Zeit, sich mit dem Für und Wider einer CI-Implantation auseinanderzusetzen und andere Möglichkeiten zu prüfen, nämlich bis zum dritten oder spätestens vierten Lebensjahr ihres Kindes.

Da sich nicht nur in Organen, in denen Herstellerinteressen vertreten werden, sondern auch in unabhängigen Medien immer wieder "Empfehlungen" und Forderungen nach einer CI-Implantation möglichst im ersten Lebensjahr laut werden, soll hier versucht werden, von einem einigermaßen neutralen Standpunkt über den Sachverhalt einer frühen CI-Implantation zu informieren.

Meist sind Eltern von der Diagnose der Schwerhörigkeit oder Taubheit bei ihrem Säugling oder Kleinkind (bis etwa 2 Jahre) schockiert. Wird ihnen dann auch noch gesagt, das Kind müsse umgehend ein CI implantiert bekommen, um eine "normale" Sprachentwicklung zu ermöglichen, werden sie unter erheblichen Zugzwang gesetzt. Sie bekommen den Eindruck, sie müßten schnell handeln, um noch retten zu können, was zu retten ist. Aber der von außen aufgebauten Entscheidungsdruck für eine CI-Implantation nimmt den Eltern die Chance, sich sinnvoll und gründlich über verschiedene Möglichkeiten für ihr Kind zu informieren.

Eine so frühe Implantation innerhalb des ersten Lebensjahres, wie in der genannten Presseinformationen von "Beat the Silence" angeregt wird, ist international umstritten.1 Derartige Forderungen leiten sich aus älteren Studien aus den Jahren 1999 und 2002 ab, und sie können mit neueren Ergebnissen nicht mehr unterstützt werden.

Richtig ist, daß alle wissenschaftlichen Studien mit signifikanten (d.h. nicht zufälligen) Ergebnissen darauf hinweisen, daß eine frühere Implantation mit einer besseren sprachlichen Entwicklung einhergeht. Jedoch scheint sich der Zeitraum, in dem eine frühe Implantation stattfinden sollte, nicht bloß auf das erste, sondern auf die ersten drei bis vier Lebensjahres eines Kindes zu erstrecken. Ob ein Kind mit zwei oder drei Jahren implantiert wird, wirkt sich nach aktuelleren Ergebnissen nur wenig auf den Spracherwerb aus.2

Weitere Untersuchungen zeigen, daß es eine sogenannte sensible Phase gibt, die gute Ergebnisse einer CI-Versorgung ermöglicht.3 Ob innerhalb dieser sensiblen Phase ein bestimmtes Alter vorteilhaft ist, muß erst noch gezeigt werden. Den vorliegenden Untersuchungen nach ist das optimale Implantationsalter innerhalb des dritten bis vierten Lebensjahrs, am besten bis zum 2. Lebensjahr.

Wenn bestätigt wird, daß eine möglichst frühe Implantation keinen entscheidenden Vorteil für die Entwicklung des Kindes bringt, entspannt das die psychosoziale Situation der Eltern erheblich, weil der Druck genommen wird: Sie haben mehr Zeit, sich ausführlich über Möglichkeiten und Alternativen zu informieren, und auch, sich seelisch und emotional mit der Belastung auseinanderzusetzen. Bis zu einer Entscheidung allerdings sollten Kinder mit Hörgeräten versorgt werden, damit sie Höreindrücke erhalten - auch dies geht aus den Studien hervor.

 

Quellen:

1)
A.-K. Ullher, K. Ludwig, "Die Lautsprachentwicklung hörgeschädigter Kinder im deutschen Sprachraum - eine systematische Übersichtsarbeit (Teil IV), in: Hörgeschädigten-Pädagogik 1/2014, S. 226-229 A.-K. Ullher, K. Ludwig, "Die Lautsprachentwicklung hörgeschädigter Kinder im deutschen Sprachraum - eine systematische Übersichtsarbeit (Teil IV), in: Hörgeschädigten-Pädagogik 1/2014, S. 226-229
2)
G. Szagun, "Einflüsse auf den Spracherwerb bei Kindern mit Cochlea-Implantat: Implantationsalter, soziale Faktoren und die Sprache der Eltern", in: hörgeschädigte Kinder 47(1) (2010), S. 0-36
3)
A. Kral, A. Sharma, "Developmental Neuroplasticity after cochlear implantation", in: Trends in Neurosciences 35(2) 2012, S. 111-122